Das Forschungsprojekt InnoRind zeigt, wie unterschiedlich Bürgerinnen und Bürger sowie Milchkuhhalterinnen und -halter verschiedene Aufzuchtsysteme bewerten.
Wie Kälber nach der Geburt aufwachsen, wird sowohl innerhalb der Landwirtschaft als auch in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Im Forschungsprojekt „InnoRind – Zukunftsfähige Rinderhaltung in Deutschland“ wurde deshalb untersucht, welche Bedürfnisse Bürgerinnen und Bürger sowie Milchkuhhalterinnen und -halter bei Kühen und Kälbern wahrnehmen und wie sie unterschiedliche Formen der Kälberaufzucht bewerten.
Die Ergebnisse zeigen: Beide Gruppen betrachten Kühe und Kälber als empfindungsfähige Tiere. Unterschiede bestehen vor allem darin, welche Bedürfnisse besonders wichtig erscheinen und welche Haltungssysteme unter den Bedingungen eines landwirtschaftlichen Betriebes als umsetzbar angesehen werden.
Vier Systeme im Vergleich
Im Rahmen des Projektes wurden vier Formen der Kälberaufzucht betrachtet:
- die Einzelhaltung nach einer frühen Trennung von Kuh und Kalb,
- die frühe Haltung zu zweit oder in kleinen Gruppen,
- die ammengebundene Aufzucht,
- die muttergebundene Aufzucht.
Bei den befragten Bürgerinnen und Bürgern erhielt die muttergebundene Aufzucht die größte Zustimmung. Danach folgten die ammengebundene Aufzucht und die frühe Gruppenhaltung. Die Einzelhaltung wurde deutlich kritischer bewertet.
Die befragten Milchkuhhalterinnen und -halter sahen dagegen in der frühen Gruppenhaltung die beste Lösung. Kuhgebundene Systeme wurden von ihnen zurückhaltender beurteilt. Gründe können unter anderem der zusätzliche organisatorische Aufwand, vorhandene Stallstrukturen, das Tränkemanagement und wirtschaftliche Fragen sein.
Unterschiedliche Schwerpunkte beim Tierwohl
Für viele Bürgerinnen und Bürger ist insbesondere der Kontakt zwischen Kuh und Kalb ein wichtiger Maßstab für das Tierwohl. Darüber hinaus spielen Bewegungsfreiheit, Sozialkontakte, Komfort sowie Möglichkeiten zum Spielen und Erkunden eine zentrale Rolle.
Milchkuhhalterinnen und -halter richten ihren Blick stärker auf die zuverlässige Versorgung, die Tiergesundheit, die Kontrolle der Milchaufnahme und die praktische Betreuung der Kälber. Der Unterschied liegt somit weniger in der grundsätzlichen Wahrnehmung der Tiere als in der Gewichtung ihrer Bedürfnisse und der betrieblichen Umsetzbarkeit.
Frühe Gruppenhaltung als mögliche Brücke
Die frühe Gruppenhaltung bildet laut den Ergebnissen die größte Schnittmenge zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und den Einschätzungen der landwirtschaftlichen Praxis. Kälber erhalten dabei bereits kurz nach der Geburt Kontakt zu Artgenossen, ohne dass die gesamte Aufzuchtorganisation eines Betriebes grundlegend verändert werden muss.
Voraussetzung sind unter anderem ein geeignetes Tränkemanagement, ausreichend Fress- und Liegeplätze, eine gute Hygiene und regelmäßige Tierbeobachtung. Zusätzlich benötigen die Kälber genügend Raum für Bewegung, Spiel und Rückzug.
Auch ein fünfwöchiger Online-Bürgerrat bestätigte die grundsätzliche Akzeptanz dieser Lösung. Bei der abschließenden Abstimmung sprach sich etwa ein Drittel der Teilnehmenden für die frühe Gruppenhaltung als gesetzlichen Mindeststandard aus. Jeweils knapp ein weiteres Drittel bevorzugte eine ammen- oder muttergebundene Aufzucht. Die Einzelhaltung fand dagegen kaum Zustimmung.
Tierwohl sichtbar und verständlich vermitteln
Die Studie macht außerdem deutlich, wie wichtig eine konkrete Kommunikation über Tierwohl ist. Allgemeine Aussagen reichen häufig nicht aus. Entscheidend ist, nachvollziehbar zu zeigen, wie Kälber versorgt werden, wie viel Platz ihnen zur Verfügung steht und welche Möglichkeiten sie für Sozialkontakt, Bewegung, Ruhe und Beschäftigung haben.
Transparente Informationen, Einblicke in den Stall und der direkte Austausch mit Milchkuhhalterinnen und Milchkuhhaltern können dazu beitragen, unterschiedliche Sichtweisen besser zu verstehen. Die frühe Gruppenhaltung kann einen praktisch umsetzbaren Entwicklungsschritt darstellen, der die Bedürfnisse der Tiere und die Bedingungen auf den Betrieben miteinander verbindet.
Milchtrends/LVN